Fachkolloquium „Wissen, Werte, Wasser“ am 26. Februar 2016 in Essen

Prof. Dr.-Ing. Harro Bode als Vorstandsvorsitzender verabschiedet

Der Claim des Ruhrverbands „Wissen, Werte, Wasser“ war Titel eines Fachkolloquiums, welches der Ruhrverband anlässlich der Verabschiedung seines Vorstandsvorsitzenden, Prof. Dr.-Ing. Harro Bode, mit ca. 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus der Mitgliedschaft des Ruhrverbands, aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Verbänden und persönlichen Weggefährten ausrichtete. Tagungsort war die Kreuzeskirche in der nördlichen Essener Innenstadt – ein Symbol für Historie, Wandel und neue Strukturen in der Region. Eingerahmt war die Veranstaltung in verschiedene musikalische Orgelimpressionen von Dr.-Ing. Thomas Süßmeier, der dabei einen Bogen von der klassischen Moderne bis zu Klassikern der Popmusik spannte.

Fachvorträge und Podiumsdiskussion

Prof. Dr.-Ing. Helmut Kroiss, Wien: „Der Mensch muss als Teil der Umwelt gedacht werden und zur Übernahme von Risiken bereits sein.“

Der fachliche Teil des Kolloquiums behandelte die Zukunft der Wasserwirtschaft. Diese wurde zunächst von Prof. Dr.-Ing. Helmut Kroiss, Wien, amtierender Präsident der International Water Association (IWA), mit der Frage „Gibt es einen globalen Wassernotstand?“ aufgegriffen. Er sieht die wasserwirtschaftlichen Verhältnisse in erster Linie abhängig von den örtlichen Bedingungen und den jeweiligen politischen Entscheidungen und damit auf lokaler und regionaler Ebene. Dort sind es Anstieg, Alterung und Migration der Bevölkerung, Urbanisierung, der Druck auf die Landwirtschaft durch den steigenden Bedarf an Nahrungsmitteln, die Entwicklung von Industrie und Energieversorgung sowie schließlich die Auswirkungen des Klimawandels, die Probleme bereiten. Es muss gezielt Fachkompetenz aufgebaut werden durch Ausbildung und durch nationale Fachvereinigungen. Und es müssen verlässliche Strukturen geschaffen werden für eine funktionierende Organisation auf politischer, administrativer und technischer Ebene. Angesichts der aktuellen Diskussion über stoffliche Belastungen plädierte er für einen Konsens über zulässige Risiken und das Wissen über das Nichtwissen sowie für ein Stoffstrommanagement, das auf einer Gesamtbetrachtung der relevanten Kompartimente Wasser, Luft, Boden und Energie basiert.

Das Land Nordrhein-Westfalen (NRW) sieht die Wasserwirtschaft derzeit an einem maßgeblichen Entscheidungspunkt für die nächsten Jahre. So stellte es Staatssekretär Peter Knitsch, Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz NRW (MKULNV) dar. Dies sei bedingt durch die anstehende Novelle des Landeswassergesetzes und insbesondere durch den jetzt laufenden, zweiten Bewirtschaftungszyklus zur Europäischen Wasserrahmenrichtlinie. In Nordrhein-Westfalen als Energieland mit gezielten politischen Maßnahmen („Klimaschutz made in NRW“) müsse auch die Wasserwirtschaft einen Beitrag für erneuerbare Energien und für die Senkung des Energieverbrauchs leisten. Aber auch Maßnahmen zur Gewässerstruktur, zum Hochwasser- und Grundwasserschutz sieht er als Schwerpunkte der Politik und Umsetzung in NRW, die er aber nicht als von oben verordnet betrachtet, sondern von unten gestaltet wissen möchte. In der aktuellen Situation um Spurenstoffe mahnte er neben Maßnahmen beim Eintrag dieser Stoffe in den Wasserkreislauf einen Beitrag sowohl der Wasserversorgung als auch der Abwasserbeseitigung an. Schließlich sei Wasserwirtschaft ein fundamentaler Teil der Daseinsvorsorge, bei dem es auf Verlässlichkeit und gesundheitsorientierte Qualität aber auch auf faire Preise und Preistransparenz ankomme. 

Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Firk, Düren: „Regenwasser sind nicht nur Engelstränen, sondern enthalten eine Vielzahl von Stoffen, die für den Wasserkreislauf relevant sind.“

Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Firk, Vorstand des Wasserverbands Eifel-Rur, führte mit seinem Vortrag „4. Reinigungsstufe auf kommunalen Kläranlagen – Anspruch und Realität“ in das Thema der anschließenden Diskussionsrunde zu Spurenstoffen ein. Er sieht die 4. Reinigungsstufe auf kommunalen Kläranlagen in Form einer flächendeckenden Maßnahme nicht als sinnvoll an. Sie könne jedoch je nach örtlichen Verhältnissen (hoher Anteil an gereinigtem Abwasser im Gewässer) einen Teilbeitrag zum guten ökologischen Zustand der Gewässer (neben Maßnahmen zur Hydromorphologie) und zur Verbesserung der stofflichen Belastung (neben Maßnahmen an anderen Eintragspfaden) leisten.

Andreas Mihm, Wirtschaftskorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Berlin, führte als Moderator der Veranstaltung auch durch die Podiumsdiskussion mit Gunda Röstel, Stadtentwässerung Dresden, Dr.-Ing. Viktor Mertsch, MKULNV NRW, Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Firk, Wasserverband Eifel-Rur, und Prof. Dr.-Ing. Norbert Jardin, neuer Vorstand Technik des Ruhrverbands. „Sind die ehrgeizigen Qualitätsziele für Oberflächengewässer noch vereinbar mit den Zielen unserer Industriegesellschaft?“ – so war diese Diskussion überschrieben. Es zeigte sich bald, dass für die Beantwortung dieser Frage sehr genau differenziert werden muss zwischen dem Gewässerschutzziel eines guten chemischen und eines guten ökologischen Zustands. Letztgenannter wird durch die Oberflächengewässerverordnung konkretisiert, deren Novelle derzeit noch auf politischer Ebene diskutiert wird. Hier ist schwer vermittelbar, so Norbert Jardin, dass die Anforderungen bei 19 Stoffen wegen der Empfindlichkeit der aquatischen Umwelt um Faktoren von teilweise mehreren 100 schärfer sind als für Trinkwasser. Viktor Mertsch hob die Besonderheiten des Landes NRW mit seiner hohen Bevölkerungs- und Industriedichte hervor und verwies u.a. auf die Empfehlungen der Europäischen Wasserversorger (Europäisches Fließgewässermemorandum zur qualitativen Sicherung der Trinkwassergewinnung, 2013) zur Rohwasserqualität. Vor diesem Hintergrund bedinge der Schutz der Gewässer eine 4. Reinigungsstufe, auch wenn die Kläranlage nicht das Allheilmittel für jeden Stoff ist. Darüber hinaus gäbe es bereits positive Erfahrungen in der einschlägigen Industrie mit gezielten Maßnahmen an der Quelle zur Verminderung des Eintrags. Gunda Röstel machte deutlich, dass es eine Nullexposition nicht geben kann. Von daher müsse stärker mit dem Verursacherprinzip an der Quelle angesetzt werden und nicht bei der Abwasserwirtschaft „am Ende der Kette“. Weitergehende Maßnahmen auf Kläranlagen seien - auch aus Kostengründen – nur an Hotspots und nicht flächendeckend sinnvoll. Hier sah auch Wolfgang Firk die Notwendigkeit, mehr über die Human- und Ökotoxizität der Spurenstoffe zu erforschen.

Podiumsdiskussion mit Andreas Mihm, Gunda Röstel, Viktor Mertsch, Norbert Jardin, Wolfgang Firk: „Ist der Mensch nur Störfaktor?“

Es werde noch Zeit benötigt, um Wirkungszusammenhänge besser zu verstehen, daraus schließlich die kosteneffizientesten Maßnahmen abzuleiten und auch umzusetzen, so das Plädoyer von Norbert Jardin, Gunda Röstel und Wolfgang Firk. Denn die Zielerreichung „guter Zustand“ der Gewässer werde auch mit einer flächendeckenden Einführung der 4. Reinigungsstufe nicht gelingen. Vielmehr seien insbesondere im Bereich der Hydromorphologie, der Einträge über den Luftpfad und der Landwirtschaft entsprechende Maßnahmen erforderlich. Dabei bereite v.a. der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung insgesamt Sorge. Weitere Arbeiten im politisch-strategischen und wissenschaftlichen Bereich aber auch zu den Verhältnissen konkret vor Ort und zur gesellschaftlichen Verankerung dieser Thematik seien erforderlich, um Maßnahmen gezielt und effizient umzusetzen. Dies sei auch vor dem Hintergrund, dass derzeit eine Gefahr für die menschliche Gesundheit über das Trinkwasser zweifelsfrei auszuschließen ist, der zu bevorzugende Weg.

Prof. Dr.-Ing. Harro Bode mit seinem bisherigen Vorstandskollegen und nun neuen Vorstandsvorsitzenden des Ruhrverbands, Norbert Frece

Verabschiedung von Harro Bode als Vorstandsvorsitzender des Ruhrverbands

In sämtlichen Beiträgen wurde Harro Bode für seine Arbeit beim Ruhrverband gewürdigt. So durch den Vorsitzenden des Verbandsrats des Ruhrverbands, Bürgermeister Franz-Josef Britz, in seiner Begrüßung, in den einzelnen Fachvorträgen und in den abschließenden Interviews, insbesondere mit dem neuen Vorstandsvorsitzenden des Ruhrverbands, Norbert Frece. Die Schwerpunkte der Arbeit von Harro Bode in den vergangenen 31 Jahren beim Ruhrverband (davon 19 Jahre als Vorstand), seine herausragenden Verdienste für den Verband und sein langjähriges ehrenamtliches Engagement für die Wasserwirtschaft in nationalen und internationalen Organisationen  sind bereits verschiedentlich dargestellt worden (s.a. KA Korrespondenz Abwasser, Abfall 2016 (63), Nr. 2, Seite 132 f.). Harro Bode selbst sieht den Ruhrverband mit dem neuen Vorstand und in seinen Strukturen gut aufgestellt für die Zukunft. Dies ist auch vor dem Hintergrund der finanziellen Konsolidierung nach dem großen Investitionsprogramm ab 1990, dem soliden Anlagenpark, der qualifizierten und motivierten Belegschaft, der Zukunftsvorsorge in vielen Bereichen und dem Konsens mit den Mitgliedern des Verbands zu sehen. Dabei sei die positive Entwicklung der Gewässerqualität in den vergangenen 40 Jahren seines Berufslebens fantastisch gewesen. Das Mitwirken an dieser Entwicklung habe für ihn zwar Anstrengung, aber auch deutliche Befriedigung bedeutet. Norbert Frece als sein bisheriger Vorstandskollege und neuer Vorstandsvorsitzender dankte Harro Bode ausdrücklich für die Arbeit beim Ruhrverband. Er charakterisierte ihn als „Vollblut-Wasseringenieur“, der stets geradlinig, verlässlich, solidarisch, konstruktiv und überzeugend auf von Analysen und Argumenten gestützte Entscheidungen hingearbeitet habe. Er resümierte, dass Harro Bodes Zeit beim Ruhrverband eine gute Zeit für den Ruhrverband, dessen Mitglieder und Beschäftige gewesen sei. Die besten Wünsche des gesamten Auditoriums begleiteten ihn zum Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt.